EnergieberaterEnergieberatung Elbmarsch

Mythen der Wärmedämmung

Zum Thema "Atmende Wände" findet man in Zeitschriften und selbst auf den Homepages von rennomierten Herstellern die haarsträubendsten Darstellungen. Wir finden, es ist nun endlich mal Zeit, damit aufzuräumen: Die Erde ist rund und Wände atmen nicht.

Zumindest tun sie dies nicht seit der Erfindung von innen verputzen Wänden. Und da stritt man noch, ob die Erde rund sei oder nicht. Der Innenputz wie er heute allgemein anzutreffen ist, ist luftdicht und erfüllt seine Aufgabe, einen Luftaustausch zwischen dem Wohnraum und der Außenluft zu verhindern, perfekt. Ganz im Gegensatz zum Außenputz, dessen Aufgabe es ist, Schlagregen abzuhalten.

Es ist also völlig egal, ob ein Haus aus Kalksandstein, Porenbeton, Beton oder Lehmziegeln gebaut wurde: Jede innen vollständig verputzte Wand ist luftdicht.

Woher stammt der Ausdruck "Atmende Wände"?

So auf Punkt und Komma wissen wir das auch nicht. Aber seine erste Popularität erlangten die "atmenden Wände" in den 80'er Jahren. Nach der Ölkrise 1973 explodierte die Nachfrage nach Wärmedämmungen erstmals. Auch gesetzlich wurde mit dem Energieeinsparungsgesetz 1976 und der Wärmeschutzverordnung 1977 erstmals die Wärmedämmung von Wohngebäuden geregelt. Viele Gebäude in den 80'ern wurden daraufhin deutlich luftdichter gebaut als dies bis dahin üblich war. Öfen in Wohnzimmern für Kohle oder Briketts waren bis dahin noch weit verbreitet. Bei offenen Feuerstellen ist es notwendig, dass Fenster und Türen schlecht schließen, da die Verbrennungsluft aus dem Wohnraum angesaugt wird. Dementsprechend muss Luft durch Fensterritzen nachströmen können.

Erst nach und nach wurden ab 1980 einzelne Öfen durch die Zentralheizung verdrängt. Häuser wurden "dichter" gebaut und die Bewohner mussten nun lernen, regelmäßig zu lüften. Dies waren viele nicht gewohnt, da nach alter Bauart ja immer ein ausreichender Luftwechsel stattfand.

Mit den Wänden hat dies eigentlich gar nichts zu tun, aber so ist das bei populär-wissenschaftlichen Begriffen.

Was wirklich geschieht...

Luft wird durch intakte Wände nur in molekularen Dimensionen transportiert. Ein intakter Innenputz ist ähnlich luftdicht wie eine Plastiktüte. Bauphysikalisch ist dieser Luftaustausch völlig unbedeutend. Diskussionen darüber überlassen wir der Metaphysik. Ob nun eine (luftdichte) Wärmedämmung vorhanden ist oder nicht, ist für den Luftaustausch einer Wand also völlig unerheblich.

Anders sieht es aus, wenn infolge baulicher Mängel der Innenputz versagt und tatsächlich Luft durch Mauerrisse nach außen strömt. Hier können erhebliche Folgeschäden enstehen. Aber auch hier spielt eine Wärmedämmung gleich welcher Art erst einmal nur eine untergeordnete Rolle.

Flüssiges Wasser kann infolge der Kapillarwirkung in erheblichen Maße durch Wände gelangen. Im Wohnbereich vermeidet man es deshalb z.B. durch Fliesen, dass flüssiges Wasser mit einer Wand in Kontakt kommt.

Im Keller kennt man den Effekt der aufsteigenden Feuchte. Derartige Wände dürfen auf keinen Fall wärmegedämmt werden, bevor die Ursache nicht beseitigt worden ist. Denn die meisten Dämmstoffe sind für flüssiges Wasser nahezu undurchlässig oder weisen einen hohen Widerstand auf. Gerade Dämmstoffe für die Perimeterdämmung auf der Außenseite von Kellerwänden sind "wasserdicht".

Als Wasserdampf wird gasförmiges Wasser bezeichnet. Eine normale Wand ist pro Tag durchlässig für einige Gramm Wasser pro m², man bezeichnet diesen Effekt als Wasserdampfdiffusion. Ein durch die DIN 4108-2 festgelegtes Rechenverfahren begrenzt die in einer Wand eingelagerte Wassermenge auf ca. 1 L/m² für die gesamte Winterperiode. Üblicherweise ist die eingelagerte Wassermenge deutlich geringer. Dagegen produziert jeder Bewohner etwa 2-3 Liter Wasser pro Tag. Allein anhand dieser Dimensionen kann man feststellen, dass für das Raumklima die Wasserdampfdiffusion keine Rolle spielt.

Allerdings spielt die Wasserdampfdiffusion bei Bauschäden immer wieder eine zentrale Rolle. Genau deshalb wird bei einer Wärmedämmung die Wasserdampfdiffusion gänzlich durch bauliche Maßnahmen unterbunden.

Aber warum dann die Aufregung?

Bei einer energetischen Sanierung verändern sich viele Dinge auf einmal. Dichtere Fenster, wärmegedämmte Wände, sanierte Bauschäden und eine bessere Heizung. Da die Energieverluste durch undichte Fenster usw. bis zu 30% der gesamten Energieverluste darstellen können, gehören Wohnungen mit geringem Luftaustausch zum Konzept. Der Bewohner von heute muss genau wie unsere (Groß-)Eltern 1977 seine Gewohnheiten umstellen und selber lüften.

Wer das nicht beachtet, sorgt dafür, dass pro Tag bis zu 3 L Wasser in den Wänden neu eingelagert werden. Das kann nur eine bestimmte Zeit lang gut gehen.